Negros

Hungern für das Recht auf Nahrung

Die Situation der Menschenrechtsverteidiger_innen auf Negros

TFM-Mitglieder ernten Zuckerrohr in Negros, Philippinen

Zuckerrohrernte in Negros

Riesig ist die Zahl der philippinischen Kleinbäuer_innen, die den Traum von einem eigenen Stück Land träumen, und gering ist die der Großgrundbesitzer_innen, die diesem Traum immer wieder ein jähes Ende bereiten. Obwohl die Landumverteilung seit über zwei Jahrzehnten gesetzlich festgeschrieben ist, wissen viele der politisch und wirtschaftlich einflussreichen Großgrundbesitzerfamilien die Implementierung zu verhindern. Die Menschenrechtsverteiger_innen geben jedoch nicht auf und setzen sich aktiv für ihre Rechte auf Nahrung ein.

 

Zehn Jahre kämpft Pepe Hilado mittlerweile schon um sein Recht auf ein Stück eigenes Land. Dieses Landstück würde ihn zwar nicht wohlhabend machen, aber es würde ihm ermöglichen, seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften und seine Familie zu ernähren. Es steht ihm gesetzlich zu. Wie ein Großteil der philippinischen Landbevölkerung hat auch er als Kleinbauer jahrelang in quasi-kolonialer Abhängigkeit für einen sehr geringen Lohn auf den Feldern einflussreicher Großgrundbesitzer_innen gearbeitet. Auf Negros, der Heimatinsel von Pepe Hilado, sind 45% aller Ländereien so genannte Sugar Haciendas, große Landbesitze von über 50 Hektar, die von nur 18 einflussreichen Familien kontrolliert werden. Zusammen kontrollieren diese 18 Familien 80% des gesamten philippinischen Zuckeranbaus, während die auf den Zuckerrohrfeldern arbeitenden Menschen meist von weniger als 1 US$ pro Tag leben müssen. Um die ländliche Armut, zu bekämpfen, wurde 1988 das Agrarreformprogramm zur Landumverteilung verabschiedet. Ziel des Programms war es, Kleinbäuer_innen wie Pepe mit staatlichen Krediten die Möglichkeit zu geben, ein bis zu 4 Hektar großes Stück Land zur Subsistenzwirtschaft zu erwerben. So ist Pepe Hilado einer der vermeintlich glücklichen Antragstellenden, die immerhin auf dem Papier Land besitzen. In der Praxis ist er jedoch nicht einmal in der Lage es zu betreten, geschweige denn es zu bestellen. Dies wissen die ehemaligen Landbesitzer_innen zu verhindern. Beispielsweise werden bewaffnete Sicherheitsleute eingestellt die den Antragstellenden den Weg zu ihrem Land verstellen und ihnen drohen. Um die Bäuer_innen zu verängstigen, streunen sie nachts um die Häuser, hämmern an Türen und geben Warnschüsse ab. Oft wird in Abwesenheit der Bäuer_innen randaliert: Zäune werden zerstört, manchmal auch ganze Häuser abgerissen. Auf diese Weise werden die Antragstellenden mürbe gemacht, damit sie irgendwann ihren Kampfgeist verlieren und zurückkehren zu ihren ehemaligen Arbeitgeber_innen, um überhaupt wieder ein Einkommen zu haben.

Häufig kommt es gar nicht erst zum Erwerb des Landes; die Diskriminierung der mittellosen Antragsstellenden fängt schon viel früher an. Nicht selten kommt es vor, dass Großgrundbesitzer_innen den Lohn reduzieren oder die Beschäftigung kündigt, wenn herauskommt, dass ein Antrag auf ein eigenes Stück Land gestellt wurde. So soll den Antragstellenden die Lebensgrundlage entzogen werden, um sie zur Akzeptanz des bisherigen Angestelltenverhältnisses zu zwingen. Kämpfen die Antragstellenden weiter, wie Pepe Hilado, werden sie durch bürokratische Schikanen diskriminiert, die den Prozess des Landerwerbs unnötig in die Länge ziehen. Verfahren werden mit undurchsichtigen Begründungen immer wieder aufgeschoben. Wichtige Papiere verschwinden, zuständige Behörden fühlen sich nicht verantwortlich für die Bearbeitung des Falls. Wird die Landübergabe schließlich doch in Aussicht gestellt, scheitert sie nicht selten an der Regelung, dass angeblich nur braches Land umverteilt werden kann. Durch das sofortige Neubepflanzen der Felder nach der Ernte, verhindern Großgrundbesitzer_innen immer wieder eine Landumverteilung.

In den raren Fällen, in denen es zu einer Landübergabe kommt, sind die Felder oftmals vernachlässigt, schwer zu bewirtschaften und somit auch nur schwer fruchtbar zu machen. Erschwerend kommt hinzu, dass zur Bewirtschaftung des Landes Saatgut, Geräte und Dünger vorhanden sein müssen, für dessen Erwerb jedoch finanzielle Mittel fehlen. Im Agrarreformgesetz wurde zwar festgehalten, dass den Kleinbäuer_innen ein Anfangskapital und notwendiges Material zur Verfügung stehen sollen, aber bis heute werden die wenigsten Bäuer_innen entsprechend unterstützt. Diese fehlenden Ressourcen zwingen schließlich viele Kleinbäuer_innen ihr Land schon nach kurzer Zeit wieder an die ehemaligen Besitzer_innen zurückuverkaufen oder zu nachteiligen Bedingungen zurückzuverpachten und die Möglichkeit eines selbständigen Lebensunterhalts aufzugeben.

Manche Kleinbäuer_innen, so auch Pepe Hilado, geben trotz allem nicht auf, sondern kämpfen aktiv gegen diese Missstände und Diskriminierungen. Zusammen mit seinen Mitstreiter_innen von der Hacienda Victoria hat er sich der Organisation TFM (Task Force Mapalad) angeschlossen, die sich in verschiedenen Regionen der Philippinen für die Umsetzung der Landreform engagiert.

Neben der Information der Landbevölkerung über die Möglichkeit des Landerwerbs und einem Empowerment der Antragstellenden, bedient sich TFM vor allem zwei Strategien, um die Landreform voranzutreiben. So werden Massenmobilisierungen, wie Demonstrationen und Streiks vor den zuständigen Behörden organisiert. Besonders erfolgreich waren in diesem Rahmen schon mehrere Hungerstreiks vor den Agrarreformbehörden auf lokaler wie auch nationaler Ebene. Mehrere Tage haben Mitglieder von TFM ohne Nahrung vor dem nationalen Agrarreformministerium ausgeharrt, um Druck auszuüben. Eine weitere erfolgreiche Strategie sind die so genannten „self installations“, bei denen Land, welches offiziell schon den Antragstellenden gehört, von dem sie aber noch keinen physischen Besitz ergreifen konnten, von den Kleinbäuer_innen und TFM-Mitgliedern eigenständig besetzt und bewirtschaftet wird.

So leistet TFM einen Beitrag zur Umsetzung der Agrarreform und gibt den Kleinbäuer_innen Hoffnung auf eigenes Land und ein selbstbestimmtes Leben.